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Warum es manchmal gut tut, alle Zelte abzubrechen …

(Anzeige – Die  Fotos des Beitrages, sind in Zusammenarbeit mit der lieben Christin entstanden. Vielen Dank, dass du diese wunderschönen Erinnerungen für uns einfangen hast.)

 

Jule:

Schnell. Hektisch. U-Bahn verpasst. 5 Minuten warten. Genervte Blicke. „Ey, haste ma‘ ne Kippe für mich?“ U-Bahn hat Verspätung. Zur S-Bahn rennen. Schneller. Eingequetscht in der Menschenmasse. Au, das war mein Fuß. Entschuldigung? Gibt es nicht. Arbeiten. Ab nach Hause. Bloß mit keinem reden. U-Bahn hat Verspätung. Ich brauche frische Luft. Plattenbausiedlung. Ein Spaziergang im Grünen wäre toll. Dafür eine Stunde fahren?  Mit der vollen S-Bahn? Nein, danke. Ab in den Park. Überall liegt Müll. So verdammt viel Müll.   Wieso räumen die Leute ihren verdammten Müll nicht weg, in dieser kleinen grünen Oase, die wenigstens ein bisschen Auszeit, vom hektischen Alltag verspricht? Ich verstehe es nicht.

„Was würdest du davon halten, Berlin zu verlassen?“ Zack. Da stand sie also im Raum, die Frage, die wir vermutlich beide schon länger mit uns herumschleppten. Ziemlich genau vor einem Jahr, fragte Micha mich, ob wir zusammen nach Leipzig ziehen wollen. Ich bin schon oft umgezogen, hab Kleinstadt, Dorf und nun eben auch Hauptstadt erlebt. Berlin war immer mein großer Traum. Die Berlin-Besuche waren in meiner Kindheit, oft das Highlight des Jahres. Groß und Aufregend und Wild und Bunt. Irgendwie auch Einschüchternd. Das war Berlin für mich. Leider ist davon nach 3 Jahren Berlin, nicht mehr so viel übrig geblieben. So konnte ich mich relativ schnell dafür begeistern, woanders unser Glück zu suchen.

Versteht mich nicht falsch, Berlin kann absolut großartig sein.  Ich kenne keinen Ort, an dem man sich freier ausleben kann. Wo in anderen Städten, schon längst die Smartphone Kameras gezückt worden wären, wird in Berlin vieles mit einem Schulterzucken & „Dit is halt Berlin!“ abgetan. Man kann jede Art von Kultur erleben, es gibt so unendlich viele Clubs,  vegane Restaurants, eigentlich gibt es von allem viel. Es gibt vor allem, auch viele Menschen. Es dürfte sich in Berlin keiner einsam fühlen, immerhin leben dort um die 3 1/2 Millionen Menschen. Trotzdem gibt es dort unglaublich viele Menschen, denen es schlecht geht und die vereinsamen, in dieser großen Stadt.

Ich glaube, es gibt einfach von allem zu viel. Zu viel Hektik. Zu viel Stress. Zu viele Möglichkeiten, die am Ende nicht genutzt werden. Du kannst alles erledigen, wann du willst. 24/7 – Sei es Essen gehen, ins Fitnessstudio oder feiern. Aber die Menge an Möglichkeiten überfordert auch. Vieles wird verschoben und am Ende dann doch nicht erledigt. „Kann ja noch später ins Fitnessstudio, hat doch eh immer auf.“ Verabredungen werden abgesagt. Komm ich heut nicht – Komm ich morgen Mentalität. Im Vergleich dazu,  zu wenig Möglichkeiten, mal heraus zu kommen. Wenn man nicht morgens um 6 Uhr aufsteht, gibt es so gut wie keine Möglichkeit, irgendwo in der Stadt mal zur Ruhe zu kommen. Berlin ist für viele Menschen, der perfekte Ort zum leben. Nur halt für mich nicht. Ich glaube ehrlich gesagt, ich habe mich dort nie wirklich eingelebt.

Leipzig ist kleiner. Beschaulicher. Wärmer. Früher habe ich mich gewundert, warum so viele meiner Mitabiturienten nach Leipzig gezogen sind. Jetzt kann ich es verstehen. Ich brauche nicht von allem, unendlich viel. Mir reicht ein Stadtzentrum und eine Reihe an veganen Restaurants. Dafür haben wir hier in der Stadt unglaublich viel grün. Und noch bezahlbare (Altbau-)Wohnungen. Viele Seen in der unmittelbaren Umgebung. Man kann so gut wie alles, mit dem Fahrrad erledigen. Viele sehr liebe Menschen. Noch Platz zum entdecken.

Wenn es mich doch mal nach unserer Hauptstadt oder meinen Freunden sehnt, setze ich mich einfach in den Bus und bin innerhalb von 2 Stunden da. Aber eben auch nach 2 Stunden Fahrt wieder draußen, aus unserer pulsierenden Hauptstadt. Man sagt, Leipzig ist das Berlin vor 10 Jahren. Vielleicht stimmt das, allerdings hoffe ich, dass ich mich in Leipzig, sollte ich in 10 Jahren noch hier leben, nicht so fühle, wie zum Schluss in Berlin.

Da wir die Entscheidung aus Berlin wegzuziehen, zusammen getroffen habe, habe ich auch Micha gebeten, seine Sicht der Dinge, als Urberliner, aufzuschreiben.

Micha:

Obwohl ich fast mein ganzes Leben in Berlin gelebt habe, fühlt es sich an, als wären es nur die letzten 9 Jahre gewesen. Wenn du im Randbezirk groß wirst, bekommst du von dem Berlin, für das es heute viele halten, wenig mit. Warum auch? Auch im Randbezirk gibt es alles was man braucht, um nicht weiter in die Stadt fahren zu müssen.

Generell hat sich meine Wahrnehmung von Berlin fortlaufend verändert… allerdings nicht zum Positiven. Ständig wechselnde Freundeskreise, die Enttäuschung über das Verhalten von Freunden oder Verwandten und auch die fehlende Fähigkeit, meine Ehrlichkeit anderen gegenüber, in weniger verletztende Worte zu verpacken, haben mir schnell gezeigt, wie austauschbar Menschen hier sind. Ist das woanders nicht so? Zumindest in meiner Wahrnehmung, sah es in Kleinstädten oder dörflichen Gegenden ganz anders aus. Dort wächst man zusammen auf und durchläuft zumindest bis zum Ende der Schulzeit, alle Etappen gemeinsam, was eine starke Verbindung schmiedet, die auch das spätere Berufsleben übersteht. Das ist jedenfalls der Eindruck, den ich gewonnen habe, wann immer ich andere Jugendliche, aus eben solchen Kleinstädten kennenlernte und wofür ich sie oft beneidete.

Zurück nach Berlin: Mit den wechselnden Freundeskreisen und Bekanntschaften, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass feste Freundschaften in Berlin nicht möglich sind. Egal wer, du wirst oft nur als Sprungbrett benutzt und für den nächst „besseren“ Menschen stehen gelassen. Je weiter ich ins Zentrum der Stadt gezogen bin und je mehr Zeit ich dort verbrachte, desto stärker wurde dieser Eindruck.

Um dem Troubel der Großstadt zu entkommen, beschloss ich, eine Ausbildung außerhalb von Berlin zu suchen, egal wo, nur nicht in Berlin. Hat leider nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe, also blieb es fürs Erste, doch noch eine ganze Weile die Hauptstadt. Im Laufe der Ausbildung habe ich viele neue junge Leute kennengelernt, mal wieder. Der Großteil kam nicht aus Berlin, sondern wollte das eigene Glück in der großen, bunten, wilden Stadt versuchen, wo alles möglich zu sein schien. Warum auch nicht? Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Stadt voller Verlockungen, in der so gut wie alles, immer, überall und in großen Mengen zu haben ist, interessant für jemanden ist, in dessen Heimatstadt, die Bordsteine um 18 Uhr hochgeklappt werden.

Unterwirfst du dich diesen Verlockungen allerdings zu sehr, kann es schnell passieren, dass du deine Ziele aus den Augen verlierst und komplett vom Partychaos eingeatmet wirst.  Ohne es mathematisch belegen zu können, würde ich jetzt einfach mal behaupten, dass es ab diesem Punkt sehr wahrscheinlich ist, dass es steil bergab geht. Mit meiner alten Band, haben wir sogar mal einen Song über solche Lebensläufe geschrieben – Homeport. Auch wenn du denkst, ein erfahrener Kapitän zu sein, sobald die Sirenen* anfangen zu singen, wirst du merken, dass man ihnen nicht so leicht entkommen kann. Ehe du dich versiehst, zerschellt dein Schiff an den Klippen und die Wellen ziehen dich nach unten.

Das passiert sicher nicht jedem, klar haben die meisten in meiner Berufsschule Ihre Ausbildung abgeschlossen. Trotzdem habe ich einige dieser Kapitäninnen und Kapitäne kommen und wieder gehen sehen. Einmal komplett in die Partystadt eingetaucht und total ausgebrand wieder ausgekotzt, um letztendlich mit abgebrochener Ausbildung/Studium, wieder in die Heimat zurück zu kehren.

Was aber, hat mich so lange in Berlin gehalten? Arbeit, Freunde, meine Bands und meine alte Beziehung.  Nachdem meine alte Beziehung in die Brüche ging und ich mit Jule zusammen kam, war schon einmal der Grundstein gelegt, auch wenn wir das zu diesem Zeitpunkt, noch nicht wussten.

Ein Arbeitsplatzwechsel war letztendlich ausschlaggebend. Da ich von nun an am Alexanderplatz arbeitete und den ganzen Großstadtdreck, Touristenströme, Ellenbogenmentalität, Drogensüchtige, streitlustige und ignorante Menschen, Tag für Tag um mich versammelt sah, fasste ich endgültig den Beschluss, dass das nicht die Stadt ist, in der ich leben möchte.

Drogenkonsum und Party sind hier nichts Außergewöhnliches, sondern Normalität, genau wie die Gesetzlosigkeit, die damit oft einher geht und mit der man offenbar, einfach davon kommt. Dazu kam, dass wir dort auch absolut keine Wohnung gefunden haben, die für uns bezahlbar gewesen wäre und dabei auch eine Verbesserung, im Vergleich zur bisherigen Wohnung, geboten hätte. Ich bin wirklich mehr als froh, dass Jule sich dafür begeistern konnte, mit mir aus Berlin wegzuziehen. Also haben wir nur noch darauf gewartet, dass auf meiner Arbeit, intern eine Stelle in Leipzig ausgeschrieben wird, welches mir von gelegentlichen Ausflügen, sowie Shows, die wir hier gespielt haben, sehr positiv in Erinnerung geblieben ist. Klar gibt es auch hier Idioten, aber das Gesamtbild und die Mentalität sind einfach einladend und herzlich.

Seit wir hier sind, fühle ich mich geerdet und weniger wütend. Ich bin jeden Tag dankbar, hier wohnen zu können und einen Rückzugsort zu haben. Klar vermisse ich es manchmal, auf der Bühne zu stehen und auch einige Freunde würde ich gern häufiger sehen. Letztendlich sind Freunde, aber immer noch Freunde, wenn man sich nicht so oft sieht.

 

* Eine Sirene ist in der griechischen Mythologie ein weibliches Fabelwesen, das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten.

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